Analyse: FC Augsburg – FC Bayern München

Der FC Bayern marschiert weiter. In einem nie gefährdeten Auswärtssieg, zeigte unsere Mannschaft eine solide Leistung gegen enttäuschende, mutlose Augsburger.

Die Ausrichtung beider Teams

Der Gastgeber wollte sehr mutig agieren. Man versuchte phasenweise die Bayern früh im Aufbauspiel zu stören und sich nicht hinten einzuigeln. In einer 4-1-4-1 Grundordnung variierte die Formation im Pressing auch mal zu einem 4-4-2, 4-2-3-1, oder, wenn sie ganz mutig wurden, zu einem 4-1-3-2. Grundsätzlich war Weinzierls Idee natürlich im Mittelfeld Zweikämpfe zu gewinnen und dann schnell umzuschalten. Es war genau das, was viele kleine Teams gegen uns versuchen. Pep Guardiola hingegen überraschte etwas. Arturo Vidal positionierte sich gegen den Ball so tief, dass in einigen Phasen des Spiels eine Fünferkette entstand. Robben, Müller und Thiago bildeten dann die Dreierreihe davor, während Douglas Costa und Lewandowski dann ein 5-3-2-System komplettierten. Die Idee dürfte gewesen sein, dass Vidal in Luftduellen besser ist, als Alaba und Kimmich. Hatten die Bayern den Ball, war es das gewohnte System. Lahm zog oft in den Halbraum, Vidal spielte auf der Sechs und brachte sich dabei sogar öfter ins Offensivspiel mit ein.

Der Spielverlauf

Die Szenen des Tages spielten sich außerhalb des Spielgeschehens ab. Alle FC Bayern-Spieler und Verantwortlichen trugen ein T-Shirt auf dem vorne „Wir sind bei dir, du schaffst das wieder!“ stand und hinten der Spielerflock von Holger Badstuber aufgedruckt war. Darüber hinaus hallten „Badstuber!“-Rufe in der 28. Spielminute durch das Augsburger Stadion. Die Fans hielten zwei Spruchbänder hoch auf denen „Immer weiter machen! Niemals aufgeben, Holger.“ zu lesen war. Stark!

Zu Anfang war das Spiel noch etwas hektisch. Durch ein, zwei einfache Ballverluste kamen die Augsburger zu ein paar Halbchancen. Besonders gefährlich wurde es natürlich bei hohen Bällen und so gab es auch eine dieser Halbchancen nach der ersten Ecke für den FCA. Dennoch war das Spiel zunächst geprägt von vielen Zweikämpfen im Mittelfeld. In der 13. Minute gab es die erste gute Möglichkeit für die Augsburger. Robben geht einem Pass nicht entgegen und arbeitet anschließend nicht mit zurück, doch Bobadilla kann aus seiner Gelegenheit nichts machen. Nur wenig später bringt Lewandowski die Bayern jedoch – wie schon in Bochum – mit der ersten Chance in Führung. Augsburg gewinnt zunächst den Ball, um ihn nur wenige Sekunden später wieder abzugeben. Robben dribbelt in den Halbraum und spielt in der Folge Müller frei, der mit einer flachen Hereingabe Lewandowski findet. Was der Pole dann mit dem Ball macht, ist großes Kino und sorgt für die wichtige Führung in der 15. Minute.

Mit dem Vorsprung im Rücken ließ es sich natürlich einfacher spielen. Bayern ließ in der Anfangsphase den Ball richtig gut laufen und hatte dabei die nötige Geduld. Augsburg wollte mutig spielen und setzte den Rekordmeister situativ weit vorne unter Druck, doch Kimmich, Alaba und Vidal haben immer wieder Lösungen gefunden, um die erste Pressinglinie der Weinzierl-Elf zu überspielen und anschließend in Person von Thiago, Costa und Robben für die wichtigen Übergänge vom zweiten in das letzte Drittel zu sorgen. Gerade über Robben und Müller ging am Anfang sehr viel. Bayern ließ über weite Strecken des Spiels überhaupt nichts anbrennen und kombinierte sich immer wieder sehenswert vor Augsburgs Tor. Lediglich das zweite Tor wollte trotz vieler Chancen vorerst nicht fallen und so ging es mit einem verdienten 0-1 in die Halbzeit.

Bayern schaffte es anschließend die große Dominanz auch in die zweite Halbzeit zu transportieren. Mit 69% Ballbesitz, mehr als doppelt so vielen gespielten Pässen (Augsburg 330, Bayern 761) und 7:24 Torschüssen waren die Rollen letztendlich klar verteilt. So dauerte es auch nicht lange, bis Lewandowski seinen Doppelpack schnürte. Augsburg musste mutiger werden und wurde deshalb etwas aggressiver und offensiver. Genau in diese Phase hinein vollendet Lewandowski in der 62. Minute einen herrlichen Konter, nachdem er von Thiago sehenswert freigespielt wurde. Auch das 0-3 durch Thomas Müller (78.) sollte noch fallen, nachdem man zuvor gute Möglichkeiten nicht verwertet hatte. Die letzten zehn Minuten waren dann unkonzentriert und geprägt von einigen Fehlern. Leichtsinnige Ballverluste und lässiges verteidigen führte dazu, dass der Gastgeber noch zum 1-3-Endstand kam. Es war das 10. Gegentor der Bayern in dieser Bundesliga-Saison und ein sehr unnötiges. Letztlich überwiegen aber natürlich die drei Punkte und der verteidigte Acht-Punkte-Vorsprung auf den BVB.

Was war gut?

Starke Defensive

Wie schon angedeutet, hat mir das Aufbauspiel sehr imponiert. Marcel Reif sagte zwar, dass die Bayern kaum gefordert wurden, das lag aber viel mehr am FC Bayern selbst, als an schwachen Augsburgern. Der Gastgeber wollte mutig attackieren, hatte aber kaum Situationen in denen er die umgebaute Abwehrreihe des FC Bayern hätte unter Druck setzen können. Der Grund war ein herausragendes Positionsspiel. Kimmich und Alaba sind darüber hinaus Pressingresistenz pur. Selbst wenn unsere beiden Innenverteidiger auf Zeit vier, oder fünf Haken schlagen, hat man keine Angst vor einem Ballverlust. Ganz speziell Kimmich hat sich erneut ein Sonderlob verdient. Schon nach meiner Analyse zum Bochum-Spiel hatte ich es bereut, ihn nicht hervorgehoben zu haben. Mit 127 Ballkontakten hatte er die meisten auf dem Feld. Außerdem sorgte er für eine Interception und eine klärende Aktion. Seine Zweikampfquote von 50% ist ausbaufähig, aber die meisten wichtigen Zweikämpfe hat er gewonnen. Lediglich beim 1-3 sah er nicht gut aus, wobei die Fehlerkette schon damit begann, dass Esswein im Strafraum sträflich frei stand. Für Kimmich war es dann schwer Bobadilla zu verteidigen, weil dieser seinen Körper geschickt einsetzte. Alabas Zweikampfquote lag bei 75%. Bernat spielte unauffällig, weshalb man von einem gelungenen Comeback reden kann. Der Spanier hat 58% seiner Zweikämpfe gewonnen, nur einen von 57 Pässen nicht an den Mann gebracht und sechs Defensivaktionen gehabt (3 Tacklings, 2 Interceptions, eine klärende Aktion). Auch Vidal hat als phasenweise dritter Innenverteidiger eine gute Figur gegen den Ball gemacht. Er hat einige wichtige Zweikämpfe gewonnen und sich keine Fehler im Aufbau geleistet, was als Fortschritt zu seinen letzten Leistungen zu werten ist. Zur Defensive gehört auch das Gegenpressing bei Ballverlusten und auch hier machte die Mannschaft eine gute Figur. Augsburg wusste oft nicht wohin mit dem Ball und so erstickte man die meisten Konter durch geschicktes Zustellen noch in der Augsburger-Hälfte. Zum Schluss noch ein Funfact: Neuer hatte 11 Balleroberungen und damit den Bestwert aller Spieler auf dem Feld.

Der Übergang vom zweiten ins letzte Drittel

Das von mir in den letzten Wochen immer wieder hervorgehobene Problem, dass man im letzten Drittel falsche Entscheidungen trifft, war heute fast nie existent. Zum einen hatte das den Grund, dass man von Augsburg viel mehr Platz bekam, als noch gegen Bochum zuletzt, aber zum anderen war auch die Passgenauigkeit in dieser Zone sehr gut. Arjen Robben (33/41), Thiago (24/30) und Thomas Müller (23/30) sorgten für die meisten angekommenen Pässe im letzten Drittel. Juan Bernats 17 Pässe kamen in dieser Zone sogar allesamt an. Sehr stark war heute unsere rechte Angriffsseite. Lahm, Müller und Robben harmonierten sehr gut, bildeten immer wieder Dreiecke und beförderten sich über den Halbraum in gefährliche Situationen. 39% aller Angriffe gingen über ihre Seite. Thiagos hohe Positionierung tat unserem Spiel ebenfalls sehr gut und er konnte sich durch gezielte Bewegungen immer wieder den nötigen Raum verschaffen, um dann seine Mitspieler in Szene zu setzen. Neben seinen vier Torschussvorlagen gelangen ihm drei Dribblings, aber auch in der Defensive konnte er mit fünf erfolgreichen Tacklings und einer Interception glänzen. Der Assist zum 0-2 rundete seinen starken Auftritt ab. Auch Douglas Costa zeigte eine starke Leistung. Vier Torabschlüsse, zwei Torschussvorlagen, ein Assist und sieben erfolgreiche Dribblings sind Topwerte und auch seine Leistung war schlussendlich wieder sehr gut. Immer wieder konnte er sich in Dribblings gegen teilweise zwei und mehr Spieler durchsetzen und in den Strafraum eindringen. Lewandowski und Müller komplettierten die starke Offensive. Das Duo kommt jetzt auf 36 Tore und jagt das beste Duo der Bundesliga-Geschichte. Dzeko und Grafite kamen zusammen 2008/09 auf 54 Tore. Insgesamt war es eine sehr variable Vorstellung der Offensive.

Variabilität und Flexibilität

Dieser Tage verletzten sich Javí Martinez, Jérôme Boateng und nun auch Holger Badstuber. Der FC Bayern hat darüber hinaus auch gegen Augsburg auf Medhi Benatia verzichten müssen, der erst kürzlich wieder ins Training einsteigen konnte. Neuzugang Serdar Tasci saß gegen Augsburg zwar wieder auf der Bank, aber Spielfit scheint er noch nicht zu sein. Man hatte also keinen gelernten Innenverteidiger im Kader und musste so erneut improvisieren. Wenn man Pep Guardiolas Mannschaft in den letzten Jahren beurteilen möchte und möglicherweise sogar Vergleiche zu Jupp Heynckes‘ Bayern ziehen möchte, dann sollte man beachten, wie variabel er das Bayern-Spiel gemacht hat. Letzte Saison musste er auf alle Flügelspieler verzichten, diese Saison kaschiert er das Innenverteidiger-Problem. Natürlich haben auch die jetzt eingesetzten Spieler eine hohe Qualität, aber trotz allem so wenige große Chancen zuzulassen und in der Rückrunde nun das erst zweite Gegentor kassiert zu haben, verdient großen Respekt. Es ist aber nicht nur die Fähigkeit, sich von Rückschlägen in Form von Verletzungen zu erholen, sondern auch das flexible System bei Ballbesitz. Das Isolieren eines einzelnen Bayern-Spielers und der damit erzwungene Ballverlust ist so selten geworden, wie ein Tor von Immobile. Das Positionsspiel, welches Bayern in dieser Saison durchzieht, ist beeindruckend und extrem flexibel. Wenn man in Zukunft auch den Übergang vom zweiten in das letzte Drittel so praktizieren kann, wie heute in Augsburg, dann ist auch mit dieser Defensive in allen Wettbewerben viel möglich, wenngleich die Erwartungshaltung speziell in der Champions League in der aktuellen Situation etwas runtergeschraubt werden sollte.

Was lief nicht gut?

Das Gegentor

In der Schlussphase wurde unsere Mannschaft unaufmerksam und lässig. Das ist Meckern auf Sammer’schem Niveau, aber es sollte erwähnt werden. Viele Ballverluste störten die Ballzirkulation und brachten Augsburg somit mehr in das Spiel. Beim Tor bekam Esswein im Strafraum viel zu viel Platz. Der Pass zu Bobadilla konnte so nicht verhindert werden und der setzte dann seinen Körper gegen den schmächtigen Kimmich gut ein, dem ich keinen Vorwurf machen möchte, weil es – auch aus eigener Erfahrung – sehr schwer ist, einen bulligen Stürmer zu verteidigen, wenn er mit dem Rücken zu dir steht.

Costas Spielverständnis

Seine Dribblings sind ohne Frage herausragend und sein Spiel ist ein wichtiges Element für uns, weil er auch mit wenig Platz viel anfangen kann. Was aber immer wieder auffällt ist, dass er viele falsche Entscheidungen trifft. Von vier Flanken kam nicht eine an. Von 17 Pässen im letzten Drittel kamen immerhin 12 an, aber es gibt immer wieder Szenen, wo Costa sich phänomenal durchsetzt, Raum gewinnt und dann einen Fehlpass spielt, oder den Ball scheinbar aussichtslos und sinnlos in den Strafraum knallt.

Fazit

Durch ein variables Auftreten, hat man die Ballzirkulation über viele Phasen des Spiels aufrecht erhalten. Über den Ballbesitz erspielte man sich dann mehr hochwertige Chancen, als in den letzten Spielen. Costas Dribblings waren brandgefährlich, aber auch über ein sehenswertes Kombinationsspiel auf der rechten Seite konnte man für viele Abschlüsse sorgen. Der Sieg war am Ende dominant und hochverdient. Es war die vielleicht souveränste Vorstellung der Saison, aber man sollte dabei auch nicht vergessen, dass Augsburg kein glückliches Spiel absolvierte und durch viel – teils erzwungene – Nervosität die Bälle zu leichtfertig hergab. Durch das 1-3 in Augsburg behält man acht Punkte Vorsprung auf den BVB.

 

 

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