Bundesliga: Hinrunden-Auswertung

Eine Hinrunde, die mehr denn je aufzeigte, dass Taktik und Konzept stets wichtiger sind als individuelle Klasse, ist zu Ende. Der FC Bayern ist Weihnachtsmeister, aber dahinter gab es durchaus einige Überraschungen.

Wie in der letzten Saison, werde ich versuchen ein möglichst objektives Team der Hinrunde zusammenzustellen. Überdies möchte ich aber auch noch ein paar andere Kategorien auswerten und mit euch diskutieren.

Gewinner der Hinrunde

Wie eingangs bereits angedeutet, war diese Hinrunde ein Zeichen an die Bundesliga. Hinter den Bayern stehen mit RB Leipzig, Hertha BSC, Eintracht Frankfurt, Hoffenheim, Borussia Dortmund und Köln Teams, die allesamt eine klare Linie verfolgen, aber, mit Ausnahme vom BVB, nicht über die besten Spieler verfügen. Trainer wie Nagelsmann, Tuchel und Hasenhüttl stehen auch deshalb hoch im Kurs, weil sie Anpassungsfähigkeit bewiesen haben und ihr Team in schwierigen Situationen coachen können.

Zugegeben: Auch diese Trainer machen Fehler. Tuchel beispielsweise erlebt gerade aus verschiedensten Gründen eine Formkrise mit seiner Borussia. Das ändert aber nichts am Gesamtbild. Trainer der alten Schule, aber auch solche, die sich nicht auf schwierige Umstände anpassen konnten, mussten nach und nach ihren Hut ziehen. Sie wurden dann durch jüngere, mutigere Kollegen ersetzt.

Dieser Trend war schon in den vergangenen Jahren zu beobachten. Dass Slomka, Magath und Co. keinen Job mehr in der Liga finden, ist daher keine Überraschung. Die Bundesliga löst sich allmählich von einheitlichen Systemen und präsentiert sich, hinter den Bayern, so interessant, variabel und spannend wie lange nicht mehr.

Verlierer der Hinrunde

Für mich sind Borussia Dortmund und Bayer 04 Leverkusen die großen Verlierer des Jahres, wenngleich sie noch viel besser positioniert sind als Wolfsburg oder Schalke. Beim BVB gibt es genügend Argumente dafür, dass es derzeit nicht läuft, aber trotzdem sind die Erwartungen andere. Drei Schlüsselpositionen konnten trotz hoher Ausgaben nicht neu bekleidet werden. Hinzu kamen Verletzungspech und das weiterhin fehlerhafte Spiel gegen den Ball.

Natürlich war ein kleiner Einbruch zu erwarten. Auf der anderen Seite kann man vielleicht auch die Balance zwischen Offensiv- und Defensivtransfers kritisieren. Fakt ist, dass der BVB enttäuschte und mit dem bisherigen Zwischenstand nicht zufrieden sein dürfte.

Die Bayern stecken in einem Umbruch. Die nicht perfekte Hinrunde des Rekordmeisters wäre eine große Chance für einige Bundesligisten gewesen. Speziell Leverkusen enttäuschte dort auf ganzer Linie. Schmidts System offenbarte dieselben Schwächen der letzten Jahre und so wird mittlerweile sogar schon der Trainer hinterfragt.

Die beiden konstantesten Teams hinter dem FCB ließen Federn und so eine große Möglichkeit aus, die Bundesliga noch spannender zu gestalten.

Trainer und Team der Hinrunde

Man kann über Leipzig denken, was man will, aber sportlich gesehen haben sie den konstantesten und ansehnlichsten Fußball gespielt. Während die Bayern sich einige Male über individuelle Klasse retten mussten, hat Hasenhüttls Team von Woche zu Woche abgeliefert und sich somit Platz 2 mehr als verdient. Hasenhüttl passte das chaotische Pressing des Aufsteigers an und formte so ein kompaktes, aber aggressives Mittelfeldpressing im 4-2-2-2.

RB wurde nicht nur zu einer mehr als ordentlich verteidigenden Mannschaft, sondern auch zu einem brandgefährlichen Konterteam. Vergessen werden dürfen aber auch nicht die vielen Spiele, in denen die Hasenhüttl-Elf Favorit war und sich der Gegner hinten reinstellte. Speziell gegen diese Mannschaften (zum Beispiel Bremen) zeigte der Bundesliga-Neuling gute Ansätze im Ballbesitz. Die Entwicklung dürfte – rein sportlich gesehen – noch sehr spannend werden. Hasenhüttl ist mein Trainer und seine Mannschaft mein Team der Hinrunde.

Elf der Hinrunde

Manuel Neuer

Wohlwissend, dass manche das vermutlich anders sehen werden, bleibe ich konsequent bei meiner Meinung, dass er der Messi unter den Torhütern ist. Neuer zeigte kaum Schwächen, wurde lange Zeit aber auch nicht gefordert. Dennoch war er oft genug da, wenn man ihn gebraucht hat. Darüber hinaus bleiben seine Einbindung im Aufbauspiel sowie sein exzellentes Verhalten beim Herauslaufen einmalig. Judge me, aber er parierte starke 78,57% aller Schüsse auf das Tor der Münchner (Bestwert unter den Torhütern, die alle Spiele absolvierten), spielte acht Mal zu Null und war erneut der für mich stärkste Torwart.

Jesus Vallejo

Frankfurts Innenverteidiger ist einer der Aufsteiger des Jahres. Seine Zweikampfquote von 52% ist allenfalls durchschnittlich, aber 87% Passquote, wovon auch einige vertikale Bälle dabei sind, lassen sich sehen. Der Spanier zählt jetzt schon zu den wichtigsten Frankfurtern und hat großen Anteil daran, dass die SGE die zweitbeste Defensive der Liga stellt.

Javi Martínez

Der Spanier schwimmt gerne mal unter dem Radar. Er war aber wiedermal eine Bank in Bayerns Defensive. Martínez schmeißt sich in jeden Zweikampf und gleicht sein fehlendes Tempo mit überragendem Stellungsspiel aus. Er gewann 69% seiner Duelle, spielte 884 erfolgreiche Pässe (92%), gab eine unfassbar wichtige Torvorlage auf Schalke und sichert seinen jeweiligen Partner perfekt ab. Javi Martínez ist vermutlich der beste zweite Innenverteidiger der Welt.

Niklas Süle

In der Miasanrot-Redaktion wird man witzeln, dass ich mich selbst in die beste Elf befördere, aber lassen wir das. Süle gewann 68% seiner Zweikämpfe, war mit 90% Passquote und viel vertikalem Spiel der wichtigste Innenverteidiger der TSG und strahlte mit 11 Torschüssen (1 Tor) auch in der Offensive Gefahr aus.

Diego Demme

Demme ist der Balancegeber in Leipzigs Spiel und füllt somit eine sehr wichtige Rolle aus. Er gewinnt wichtige Defensivzweikämpfe und sichert die offensive Spielweise des Aufsteigers ab. Zusammen mit Keita bildete er ein dominantes Zentrum gegen und mit dem Ball und so das Herzstück des RB-Fußballs.

Naby Keita

Es sind nicht nur Keitas kreative Vorstöße, die mich dazu bewegt haben, den 21-Jährigen in die Elf der Hinrunde zu befördern. Er zeigte Übersicht, strahlte Sicherheit aus und war stets Initiator vieler Leipziger Treffer. Vier Tore, zwei Assists, 17 Torschussvorlagen und unzählige, nicht messbare wichtige Pässe im Mittelfeld.

Thiago Alcántara, Spieler der Hinrunde

Ein absoluter Traum. Wenn Thiago den Ball bekommt und seine typische Körpertäuschung macht, fallen nicht nur die Gegenspieler um, sondern auch die Fans, die ihm am liebsten die Füße küssen würden. Selbst die des Gegners. Seine Ballbehandlung ist nahezu einmalig. Sein Passspiel findet sogar Weihnachtsmänner auf der Anzeigetafel und seine spaßige Aura auf und neben dem Platz macht ihn zu einem der sympathischsten Spieler der Liga.

Überdies ist der Spanier sogar ein richtig guter Zweikämpfer geworden. 57% seiner Duelle entscheidet er für sich. Seine 4,6 Interceptions pro 90 Minuten (Bestwert aller Spieler mit mindestens 500 Minuten) sind da noch gar nicht mit einbegriffen. Drei Tore, zwei Assists und seine 2,3 erfolgreichen, wunderschönen Dribblings pro 90 Minuten (von 3,5 Versuchen) seien am Rande auch noch erwähnt. Spieler der Hinrunde. Bitte. Bleib. Fit.

Emil Forsberg

Fünf Tore, neun Assists, 34 Torschussvorlagen, 2,1 erfolgreiche Dribblings pro 90 Minuten. Emil Forsberg zählt zweifelsohne zu den besten Spielern der Hinrunde und bekommt den Platz im linken Mittelfeld.

Ousmane Dembélé

Der Franzose war einer der wenigen Lichtblicke bei Borussia Dortmund. Trotz seines jungen Alters war er stets in der Lage, das stotternde Offensivspiel des Vizemeisters irgendwie anzutreiben. Es zeigte sich an vielen Stellen aber auch, dass er noch etwas ungeschliffen ist. Manchmal will er zu viel oder dribbelt sich in schlecht abgesicherten Situationen fest. Dennoch sind vier Tore, 11 Assists und 2,2 Torschussvorlagen pro 90 Minuten in seiner ersten Bundesliga-Hinrunde überzeugende Werte. Man kann sich nur wünschen, dass er weiterhin so begeistert.

Robert Lewandowski

Wie stark der Pole ist, dürfte bekannt sein. Er ist zwar nicht der erfolgreichste Torschütze der Liga, hat aber neben seiner Kernkompetenz (12 Tore) ein Spielverständnis wie kein zweiter Bundesliga-Stürmer. Er bewegt sich immer in die richtigen Räume und arbeitet mit seiner Physis viele Angriffe der Bayern heraus. Der Angreifer gehört in jede Top-Elf.

Pierre-Emerick Aubameyang

Dortmunds Torjäger kommt schon wieder auf 16 Buden und scheint nicht aufhören zu wollen. Seine Geschwindigkeit und Kaltschnäuzigkeit sind einmalig. Kompliment an seine Leistung, die er nun schon seit gut zwei Jahren abruft.

Das 3-1-4-2 wurde in der Bundesliga immer beliebter. Meine Top-Elf der Hinrunde.
Das 3-1-4-2 wurde in der Bundesliga immer beliebter. Meine Top-Elf der Hinrunde.

Wolfsburg der Hinrunde

Zum Abschluss noch eine Kategorie, die bitte nicht allzu ernst genommen wird. Danke.

Obwohl Leverkusen, Schalke und Hamburg sehr nah dran waren, geht der „Wolfsburg der Hinrunde“ an den VfL Wolfsburg. Man weiß auch gar nicht, wo man bei dem Chaos ansetzen soll. Abgesehen davon, dass der halbe Kader sowieso schon vor der Saison wechseln wollte, überbot sich der VfL von Woche zu Woche selbst.

Höhepunkt der Hecking’schen Fragezeichen zur peinlichen Leistung war die Aussage des Trainers, dass man noch nach einer Philosophie suche. Wenig später war der King weg, der jetzt in Gladbach seine Suche nach einer Philosophie fortsetzen wird.

Doch die Leistung war nicht alles. Während Julian Draxler gefühlt täglich einer Zeitung seine Wechselwünsche mitteilte, saß Klaus Allofs in seinem Büro und… ja, was machte der eigentlich? Nun ja, immerhin schien er eine Kandidatenliste für die Nachfolge von Hecking angefertigt zu haben. Nach der ersten Absage wurde es Ismael. Der war zwar nicht wirklich erfolgreich, aber immerhin keine Arbeit mehr für den Sportdirektor. Allofs war folgerichtig der nächste, der seinen Hut nehmen musste.

Abgeschlossen wurde die ganze Geschichte mit einem Mario Gomez, der quasi durchblicken ließ, dass zu viele mit ihren Wechselgedanken beschäftigt waren. Der Nationalspieler forderte eine radikale Aussortierung im Winter. Vielleicht sehen wir ja dann bald den VfL Gomez.

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