Hoffenheim, Leipzig, Freiburg – Verrückte Bundesliga?

Noch sind drei Spieltage zu gehen. Noch ist Zeit für die großen Klubs der Liga, um Schadensbegrenzung zu betreiben. Doch Fakt ist jetzt schon: Gewinner der Saison sind Flexibilität, mannschaftliche Geschlossenheit und Anpassungsfähigkeit – nicht die individuelle Klasse. 

Okay, Meister sind wiedermal die Bayern geworden. Ganz ohne die Klasse der Einzelspieler geht es eben auch nicht. Aber was sich dahinter in der Liga abspielt, haben vorher nur wenige erwartet.

Die Großen schwächeln

Wolfsburg und Leverkusen, die nicht nur teure, sondern auch richtig gut besetzte Kader haben, spielen im Saisonfinale um den Abstieg. Trotz starker Spieler, trotz großer Kaufkraft auf dem Markt. Auch Schalke und Gladbach konnten nicht an die Erfolge der letzten Jahre anknüpfen.

Natürlich ist jeder Fall individuell zu betrachten, aber eines eint jeden dieser Klubs: Eine zu hohe Abhängigkeit von Individuen. Die stärksten Spieler der Liga bringen dir wenig, wenn du nicht adaptieren kannst. Wenn die Mannschaft nicht in der Lage ist, sich auf veränderte Umstände anzupassen.

Wolfsburg ist das Paradebeispiel. Unter Hecking spielten sie Tag ein, Tag aus immer dasselbe System. 4-4-2, Mittelfeldpressing, Fokus auf Flügelläufe, um den großen Stürmer mit Flanken zu füttern. Auch mit Ismaël änderte sich zu wenig.

So monoton spielten in der jüngeren Vergangenheit viele Bundesligisten. Die Liga hat sich darauf eingestellt. Einige probierten sich an der Dreierkette, andere verändern ihre Ausrichtung von Woche zu Woche. Man könnte dies als Erbe Guardiolas bezeichnen, aber auch einfach als Trend, der sich zwangsweise mit dem Wandel des Fußballs einstellen musste.

Viele dieser kriselnden „Liga-Riesen“ verließen sich darauf, dass sich die Erfolge schon wieder einstellen würden. Qualität siegt am Ende schließlich immer.

Am Ende finden sich Teile von ihnen am Tabellenende wieder, andere im Niemandsland. Wenige, wie Gladbach und Schalke, haben zumindest noch die Chance die Europa League zu erreichen. Doch wie man richtig erfolgreich ist, machen ihnen andere vor.

Hoffenheim und Leipzig überzeugen

Zum Beispiel sind da derzeit auf Platz 2 und 3 zwei Teams, die eine große individuelle Qualität mit taktischer Flexibilität vereinen. RB Leipzig hat beispielsweise mehrfach bewiesen, dass sie sowohl aus Ballbesitzsituationen, als auch aus Umschaltmomenten Gefahr erzeugen können.

Sie sind in der Lage tief zu verteidigen, laufen aber noch häufiger hoch an. Variationen im Tempo sind ebenso selbstverständlich wie der automatisierte Wechsel von Positionen und Formationen.

Leipzig spielt zwar immer mit derselben Grundformation, orientiert seine Abläufe aber stets am Gegner und der Spielsituation. Das Pressing der Roten Bullen ist clever gestaffelt. Meist laufen sie im 4-2-2-2 sehr aggressiv, aber strukturiert an.

Leipzigs Pressingkonzept ist einer der wichtigsten Faktoren zum Erfolg.
(Grafik: miasanrot.de)

Dabei wird der Gegner in drei Zonen gesteuert. Entweder auf die beiden Außenbahnen, wo der Zugriff einfacher wird oder direkt ins Zentrum. Dort werden die Mittelfeldspieler der anderen Mannschaft meist umzingelt und ebenfalls gestellt.

Das Konzept funktioniert in der Bundesliga sehr gut, weil es vom Standard abweicht und die meisten Teams Probleme mit dem Spielaufbau haben. Leipzig ist oft einen oder gar zwei Schritte voraus.

Selbiges gilt für die Hoffenheimer, die zwar etwas weniger Punkte sammelten, aber insgesamt noch beeindruckender sind.

Julian Nagelsmann führte sein Team vom Abstiegskampf in die Champions League. Natürlich haben sie in Hoffenheim gute Spieler. Rudy und Süle werden nicht umsonst zu den Bayern wechseln.

Betrachtet man aber die Namen des Kaders im Vergleich mit der Liga, so käme man nicht auf die Idee, dass sie Favorit für die Champions-League-Plätze wären.

Dennoch hat die TSG drei Spiele vor dem Ende den vierten Platz sicher. Mit der Möglichkeit, den dritten Platz vor dem BVB zu schaffen. Das direkte Duell der beiden in Dortmund wird darüber mitentscheiden.

Nagelsmann passt seine Elf regelmäßig an. Die Dreierkette zählt zwar zu den Konstanten, aber in der Umsetzung ist das Team sehr variabel. Hoffenheim spielt einen sehr sauberen Ball und verbindet viele Komponenten aus verschiedenen Spielstilen.

Mit Wagner wurde ein Stürmer eingebaut, der eher nicht für kombinativen Offensivfußball steht, aber gerade bei überbrückenden, langen Bällen eine wichtige Rolle einnimmt. Die TSG verlässt sich so nicht nur auf starkes Kurzpassspiel und Ballbesitz, sondern variiert je nach Stärke des Gegners den eigenen Stil.

Vielleicht ist Hoffenheim sogar das flexibelste Team der Liga. Es ist kein Zufall, dass seit der Übernahme des jüngsten Bundesliga-Trainers aller Zeiten nur 9 aus 47 Spielen verloren wurden. Fünf davon in der vergangenen Rückrunde, als Nagelsmann seine Mannschaft vor dem Abstieg bewahrte.

Auch beim BVB hat man 2015 einen variableren Weg eingeschlagen. Die immer ähnliche Taktik Jürgen Klopps bröckelte und fand speziell in längeren Ballbesitzphasen kaum noch Lösungen.

Mit Thomas Tuchel kam jemand, der die Qualitäten im Umschaltspiel und das enorme Tempo der Offensive um gute Strukturen im Ballbesitz ergänzte.

Diese Saison war zwar eine schwierige, doch am Ende wird wieder die Königsklasse herausspringen. Weil die Dortmunder sich angepasst haben. Weil sie nicht jedes Spiel mit denselben Ideen starten.

Schlussendlich wird der BVB vermutlich nicht vollends zufrieden sein. Aber trotzdem gelang es, eine schwierige Saison zu kaschieren.

Freiburg und Bremen bestätigen die These

Nun kann man behaupten, dass all diese Teams auch einfach richtig gute Spieler haben. Das stimmt sogar zum Teil. Doch die These, dass taktische Variabilität und Anpassungsfähigkeit wichtiger geworden sind, wird nicht nur durch die schwächelnden Klubs aus Leverkusen und Wolfsburg belegt.

In der oberen Tabellenhälfte befinden sich mit Werder Bremen und dem SC Freiburg Vereine, die man eigentlich im unteren Drittel erwarten würde. Hauptsächlich, weil sie Trainer haben, die Mut, Kopf und Flexibilität vereinen.

Während Nouri an der Weser eine kleine Anlaufzeit benötigte, beweist Streich diese Fähigkeiten seit einigen Jahren. Freiburg kann nicht nur gut den Ball laufen lassen, sondern auch situativ präzise lange Bälle spielen, die den Druck bewusst in gewisse Zonen verlagern.

Der Kader ist variabel zusammengestellt und hat eine Tiefe, die für solch einen Klub einmalig sein dürfte. In wenigen Wochen könnte es gut sein, dass Freiburg und/oder Bremen international spielen, während Gladbach und Schalke zugucken dürfen.

Möglicherweise wird es auch andersherum sein, denn manchmal setzt sich dann doch die Qualität der Spieler durch. Doch die Teams im oberen Drittel zeigen zu großen Teilen, dass sie Fußball nicht monoton interpretieren.

Sie passen sich an, integrieren ihre Schlüsselspieler in ein System, das ihnen Unterstützung liefert und schaffen es so, nicht zu abhängig von ihrer Qualität zu sein. Das Resultat ist diese eher überraschende Tabelle, die wir am 31. Spieltag vorfinden.

Problematisch für den internationalen Vergleich

Natürlich ist es schön, dass mit Hoffenheim, Hertha, Freiburg, Köln und Bremen so viele tendenzielle Außenseiter um die europäischen Plätze spielen. Doch die Situation bringt auch Nachteile für die Liga mit sich.

All diese Teams sind nicht gesetzt in Europa. Sie werden also sehr viel Glück benötigen, um nicht direkt zu Beginn auf die stärksten Klubs Europas zu treffen. Ein frühes Ausscheiden ist deshalb wahrscheinlich.

Gerade am Beispiel Hoffenheim sieht man zudem, dass es für solche Vereine schwierig ist, die Schlüsselspieler zu halten. Wachstum ist schwer geworden, weil die Lücke nach oben immer größer wird.

Süle und Rudy werden ihren Weg dort oben weitergehen und die TSG muss versuchen, zwei ihrer absoluten Schlüssel zum Erfolg zu ersetzen.

Nagelsmann ist in der Lage, dies mit taktischer Variabilität zu tun, doch auch diese hat ihre Grenzen, wenn die wichtigsten Spieler nicht gehalten werden können.

Eine große Chance für die Bundesliga

Diese Saison ist eine dunkle für die etablierten Klubs der Liga. Sie haben aufgezeigt bekommen, dass es nicht selbstverständlich ist, sich oben zu halten.

Vor allem aber haben sie nun erleben dürfen, dass es nicht mehr reicht einen guten Kader aufzustellen. In der nächsten Saison werden sie zu großen Teilen keine Dreifachbelastung haben, während andere mit ihren begrenzten Mitteln darunter leiden könnten.

Die nächste Spielzeit ist deshalb eine Chance für die etablierten Top-Klubs der Bundesliga. Die Frage wird allerdings sein, ob sie aus der aktuellen Situation die richtigen Schlüsse ziehen.

Es wird wahrscheinlich nicht reichen, den eigenen Kader noch besser aufzustellen. Hoffenheim, Freiburg, Hertha, Bremen und Köln stehen deshalb so weit oben, weil Leverkusen, Wolfsburg und andere Vereine sich auf individuelle Klasse verlassen haben.

Wenn die Betroffenen die richtigen Schlüsse ziehen und von beispielsweise Hoffenheim lernen, dann ist das eine Chance für die Liga, die einen deutlichen Qualitätssprung ermöglichen könnte.

Denn am Ende ist es eben doch so, dass die Mischung aus individueller Qualität, die es in Gelsenkirchen, Wolfsburg und Leverkusen gibt, und aus taktischer Flexibilität, die Hoffenheim zeigt, die größten Erfolgschancen im internationalen Vergleich mit sich bringt.

Auch deshalb ist RB Leipzig ein aus sportlicher Sicht vielversprechender deutscher Vertreter in Europa. Möglicherweise nicht sofort, aber für die Zukunft. Und Schalke, Leverkusen, Wolfsburg, aber auch andere Klubs können von ihnen, Hoffenheim und sogar Freiburg vieles lernen.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s