Die Bundesliga in Europa: Versachlichung des Dramas

Köln, Hoffenheim, Leipzig, Dortmund, Freiburg, Hertha und phasenweise selbst die Bayern: In der zweiten Hälfte des Jahres hat sich die Bundesliga in europäischen Wettbewerben nicht mit Ruhm bekleckert. Ist die Qualität der „Weltmeister-Liga“ so schwach wie nie?

Medial ist ein Abgesang auf eine der stärksten Ligen Europas gestartet. „Bundesliga in der Krise“, titelte „ran“ im November. „Bundesliga in Europa schlecht wie nie“, legte „t-online“ diese Woche nach. Selbst Joachim Löw sagte dem „Kicker“ im Oktober, dass die Bilanz der Deutschen in den internationalen Wettbewerben alarmierend sei.

Es gibt eigentlich keine Ausreden mehr

Tatsächlich ist sie das. Hoffenheim sollte mit dem Kader durchaus in der Lage sein, in einer Gruppe mit Braga, Ludogorets und Basaksehir mehr als nur fünf Punkte zu holen. Auch Hertha BSC kam nur auf fünf Zähler, obwohl zumindest Östersunds und Luhansk keine übermächtige Konkurrenz darstellten. Dass Athletic Bilbao vor den Berlinern landen würde, war aber absehbar.

Mehr erwartet wurde auch von Borussia Dortmund, die zwar eine schwere Gruppe hatten, es jedoch nicht mal schafften, ein Spiel gegen Nikosia zu gewinnen. Mit 2 Pünktchen retteten sie sich gerade so in die Europa League. War der BVB in den letzten Jahren noch ein Aushängeschild der Liga in Europa, so wurden sie von Tottenham und Real Madrid in dieser Saison deklassiert.

Bei RB Leipzig begrenzte sich der Effekt der Blamage etwas. Kader, Ausgaben und Leistungen aus der Vergangenheit ließen zwar darauf hoffen, dass die Elf von Ralph Hasenhüttl es in einer Gruppe mit Besiktas, Porto und Monaco immerhin ins Achtelfinale schafft, doch daran scheiterten sie letztendlich knapp. Es bleibt die Europa League, um weiter internationale Erfahrungen zu sammeln.

Von Köln und Freiburg dürfte sich unterdessen keiner irgendetwas erwartet haben. Zwar stürmte der Effzeh furios nach Europa, doch der tiefe Fall zeichnete sich im Laufe der Saison ab. Dass sie in der Europa League mit 6 Punkten und Platz 3 immerhin das beste deutsche Ergebnis erzielten, spricht Bände. Der SC Freiburg spielt ebenfalls gegen den Abstieg und war der typische Überraschungsteilnehmer, für den eine Qualifikation für die Gruppenphase schon sensationell gewesen wäre. Daher kein Vorwurf in diese Richtung.

Es hing also mal wieder vieles an den Bayern. Der fünfmalige Champions-League-Sieger startete unter Ancelotti aber ebenso wackelig in die Saison und holte sich in Paris eine deftige Watschn ab. Das Rückspiel ließ allerdings darauf hoffen, dass es für den Rekordmeister weit gehen könnte, wenngleich die Quoten auf einen Triumph der Münchner im Europapokal schon mal besser waren.

Das Gesamtbild der Bundesliga stellt sich dennoch als erschreckend dar. Nur einen Achtelfinal-Teilnehmer stellt die Bundesliga in diesem Jahr in der Königsklasse. Dies war zuletzt in der Saison 2008/09 der Fall, als der FC Bayern den Einzelkämpfer gab. Auch 2007/08 erreichte mit Schalke 04 nur ein deutsches Team die Runde der letzten 16. In der Europa League können Dortmund und Leipzig jetzt immerhin ein bisschen Boden gut machen, doch peinlich war das Abschneiden bisher trotzdem.

In einer Umfrage auf Twitter stimmten 48% von 463 Teilnehmern dafür ab, dass die Bundesliga „schlecht wie lange nicht“ wäre. 28% empfinden sie als schlechter, aber attestieren ihr weiterhin ein gutes Niveau. Nur 12% sehen eine Verbesserung und weitere 12% denken, dass die Liga auf ihrem Niveau geblieben ist.

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Die Gefühlslage ist klar, doch ist die Bundesliga tatsächlich schlechter geworden? Welche Gründe gibt es für das katastrophale Abschneiden? Zeit für eine Versachlichung der Panik.

Der Versuch einer Erklärung

Vorweg sei erwähnt, dass die Enttäuschung über die Leistungen der einzelnen Teams berechtigt ist. Natürlich gibt es allen Grund zur Sorge, wenn Gegner aus Zypern sich plötzlich auf Augenhöhe präsentieren und Konkurrenten aus England wegziehen.

Die Probleme sind aber bei jedem Teilnehmer individuell zu betrachten. Angefangen bei Borussia Dortmund, die sich in einer fürchterlichen Formkrise befinden. Das kann jedem größeren Klub mal passieren. Noch kann man die Geschehnisse der Schwarz-Gelben als einmalig abstempeln und darauf hoffen, dass der Klub sich spätestens nach einem Trainerwechsel erholt.

Hoffenheim und Leipzig sind jeweils Debütanten in Europa. Hasenhüttl stellte sich zuletzt vor seine Mannschaft und gestand sich selbst ein, dass ihm die nötige Erfahrung in Europa fehle. Eine Begründung, die gerechtfertigt ist. 2010 schied Borussia Dortmund in der Europa League knapp in einer Gruppe mit Sevilla und Paris aus, ein Jahr später reichte es in der Champions-League-Gruppenphase gegen Arsenal, Marseille und Piräus nicht mal für die Europa League.

Als amtierender Deutscher Meister galt spätestens das zweite Ausscheiden als Blamage. Fakt ist aber, dass Erfahrung eine nicht unerhebliche Komponente im Europapokal ist. Für Leipzig gilt das in einer durchaus ausgeglichenen Gruppe noch mehr als für Hoffenheim, deren Gegner eher als unterlegen einzustufen waren.

Die TSG jetzt aber nur am Ausscheiden zu beurteilen, ist nicht fair. In vielen Duellen war die Mannschaft von Julian Nagelsmann besser als der Gegner. Chancenverwertung und individuelle Fehler kosteten schließlich wichtige Punkte. Auch wenn das Ausscheiden nicht den Ansprüchen gerecht wird, so kann die gesammelte Erfahrung für die nächsten Jahre dennoch goldwert sein.

Die Thematik beim 1. FC Köln wurde bereits angerissen. Verletzungspech, Kaderplanung, schwindendes Selbstbewusstsein und die dann schlichtweg fehlende Qualität reichen aus, um zu sagen: Mehr braucht man dann auch nicht zu erwarten. Für Freiburg gilt ähnliches.

Eine der größten Enttäuschungen war – mal wieder – Hertha BSC. Die Berliner verfügen über eine ordentliche Qualität im Kader und ebenso über erste Erfahrungen im europäischen Wettbewerb. Von ihnen hätte mehr kommen müssen und wie sie einige Duelle mit schwächeren Kontrahenten bestritten, war eines deutschen Teilnehmers unwürdig.

Dennoch bleibt festzustellen, dass die Verkettung vieler unglücklicher Umstände dazu führte, dass die Bundesliga in dieser Saison so schlecht dasteht wie lange nicht mehr. Sorge ist berechtigt, aber Panik verfrüht. Das bestätigt auch ein Blick auf die Vergangenheit.

Vergleich der Top 4

Es ist nämlich sehr interessant, den angeblichen Rückstand auf die europäische Konkurrenz mit Fakten zu überprüfen. Wie stark ist die Bundesliga tatsächlich hinten dran? Dafür habe ich Spanien, England, Italien und Deutschland seit der Saison 2009/10 miteinander verglichen.

Der sicherste Fakt dürfte sein, dass Spanien das Maß aller Dinge ist. Augenhöhe mit dieser Liga hat niemand. Zehn Titel (fünf Mal Europa League, fünf Mal Champions League) in neun Jahren sind nahezu unglaublich. Hinzu kommen drei spanische Finalisten in beiden Wettbewerben, die den Titel nicht holten (alle verloren gegen spanische Teams) und 13 spanische Teams, die in einem Halbfinale ausschieden. 42 Mal kam ein spanisches Team in dieser Zeit mindestens ins Achtelfinale und nur 13 Mal schaffte es ein spanisches Team in 9 Jahren nicht in eine Runde der letzten 16. Dominanz pur.

Auf dem Konto der Engländer stehen drei Titel. Einer davon in der Champions League. Drei erfolglose Finalteilnahmen kommen hinzu und lediglich drei Mal ging der Weg bis ins Halbfinale. Eine Bilanz, die bei dem Geldfluss nicht erwartet wurde. Immerhin 39 Mal schafften sie es seit 2009 mindestens in ein Achtelfinale, während satte 19 Mal vorher der Weg zu Ende war.

In Italien ist die Situation noch etwas brisanter. Inter Mailand holte 2010 den letzten großen Titel für diese stolze Fußball-Nation. Danach konnte sich die Serie A eigentlich fast nur noch auf Juventus Turin verlassen. Zwei erfolglose Finalteilnahmen verbuchte der Serienmeister. Hinzu kommen für die Serie A drei Halbfinalisten, die den letzten Sprung nicht schaffen. Allesamt in der Europa League. 31 Mal kamen sie bis ins Achtelfinale oder weiter, ebenfalls 19 Mal schieden sie vorher aus.

Der Rückstand für Deutschland ist zumindest auf Italien und England noch nicht allzu groß. Zum Champions-League-Sieg des FC Bayern 2013 kommen die Finalteilnahmen des BVB im selben Jahr und die der Münchner 2010 und 2012 hinzu. Fünf Halbfinalisten aus der Bundesliga verpassten das Finale mal knapp, mal weniger knapp. Elf deutsche Teams scheiterten in einem Viertelfinale. Das macht immerhin eine Bilanz von 20 Mannschaften, die mindestens in die Runde der letzten Acht kamen. England (18) und Italien (10) sind dort hinter der Bundesliga.

33 Bundesligisten erreichten mindestens das Achtelfinale. Weniger als die Engländer, aber mehr als die Italiener. 23 schieden vorher aus, was der negative Topwert unter den vier besten Ligen Europas ist. Dennoch ist der Rückstand aus dieser Sicht betrachtet nicht allzu groß. Ein wichtiger Punkt ist zudem, dass die Bundesliga und die Serie A jeweils Zeiträume hatten, in denen sie nur drei Startplätze für die Champions League hatten. Bis zur Saison 2011/12 waren das die Deutschen, danach die Italiener.

Ligen mit regelmäßigen Teilnehmern sind erfolgreicher

Interessant ist aber, dass keine dieser vier Ligen im benannten Zeitraum so viele verschiedene Teilnehmer hatte wie die Bundesliga. 18 deutsche Teams traten seitdem im Europapokal an. Hamburg, Köln, Frankfurt, Augsburg, Hoffenheim und Leipzig waren unter ihnen nur ein Mal dabei. Nur Bayern, Dortmund, Schalke und Leverkusen waren häufiger als fünf Mal für einen europäischen Wettbewerb qualifiziert.

Italien und Spanien hatten seitdem jeweils nur 13 verschiedene Teilnehmer. Juventus, Neapel, AS Rom, Inter Mailand, Lazio Rom, AC Mailand und AC Florenz waren dabei mindestens fünf Mal vertreten. Aus der spanischen Liga qualifizierten sich sogar sieben verschiedene Teams mehr als fünf Mal für den Europa Pokal.

Für die Premier League gilt ähnliches. Deren Top-Teams sind regelmäßig für Europa qualifiziert. Sechs Teilnehmer schafften es mehr als fünf Mal und fünf von ihnen sogar mindestens acht Mal. Diese Konstanz zeigt sich dann auch in Finalteilnahmen und Titeln. Die erfolgreichste Phase hatte die Bundesliga, als Schalke 04, Borussia Dortmund und Bayern München regelmäßig dabei waren. Ohne Frage die drei stärksten deutschen Teams seit 2009. Gerade bei den Italienern und der Bundesliga merkt man, dass nur wenige Mannschaften regelmäßig dabei sind.

Wie oft nahmen die Teams aus den vier Top-Ligen von 2009/10 bis zu dieser Saison an europäischen Wettbewerben teil?

Ist diese Saison ein Drama für die Liga?

In dieser Saison fehlte diese große internationale Erfahrung einfach. Wenn Schalke sich wieder zu einem konstanten Top-Team in Deutschland entwickelt und Leipzig sowie Hoffenheim ihre Qualität national bestätigen, könnten da Teams heranwachsen, die Deutschland in Zukunft wieder besser repräsentieren.

Dazu muss auch Borussia Dortmund den Hintern wieder hochbekommen. Dann dürfte nicht mehr alles nur vom FC Bayern abhängen, wie die Phase zwischen 2010 und 2014 gezeigt hat. Wenn man noch bedenkt, dass die Bundesligisten 20 Mal gegen die absolut dominierenden Spanier ausgeschieden sind, ist das durchaus annehmbar.

Ein Drama ist diese Saison deshalb nicht, auch wenn die Ergebnisse gegen teilweise deutlich schwächere Teams ernüchternd sind. Es ist ein Zeichen und sollte deshalb als Chance betrachtet werden. Nach erfolgreichen Jahren verpasste man es, die hervorragende Position der Liga weiter auszubauen. Wichtig ist, dass sich hinter den Bayern wieder Mannschaften herauskristallisieren, die konstant in Europa mitspielen.

Auch spanische, englische und italienische Teams, die nicht regelmäßig qualifiziert sind, scheitern in der Regel früh in beiden Wettbewerben und bilden so das Äquivalent zu den Freiburgs, Kölns und Augsburgs der Bundesliga. Ausnahmen wie Celta Vigo, Leicester oder Hannover gibt es zwar auch, doch letztendlich ist Erfahrung ein unfassbar großer Faktor.

So schön die Geschichten solcher Überraschungen auch sind, so sehr sorgen sie in ihrer Häufigkeit dafür, dass die Bundesliga in Europa weniger konkurrenzfähig ist. Die Schuld liegt aber nicht bei ihnen, sondern bei etablierten Klubs wie Schalke oder Leverkusen, die ihre Hausaufgaben nicht erledigt haben.

Den Niedergang der Bundesliga aus dem frühen Ausscheiden von Hertha, Hoffenheim, Köln und Freiburg in diesem Jahr abzuleiten, wäre deshalb großer Quatsch. Allerdings ist es ein Warnschuss an die etablierten Vereine, die schleunigst wieder den Anschluss an die Ligaspitze finden müssen. Schalke scheint da zumindest auf einem guten Weg zu sein. Bekommen sie, aber auch Hoffenheim, Leipzig und Borussia Dortmund in den nächsten Jahren Konstanz in ihre Leistungen, steht die Bundesliga auch in Europa wieder besser da.

Ob die Liga weiterhin konkurrenzfähig bleibt, zeigt sich dementsprechend erst in ein paar Jahren, wenn man erneut eine große Zeitspanne nach den großen Erfolgen der Vergangenheit ziehen und vergleichen kann. Noch steht die Bundesliga aber besser da, als diese Saison und die daraus entstandene Stimmung vermuten lässt. Panik ist derzeit nicht angebracht, leichte Sorgen hingegen schon.

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