Happy Birthday, Fußballgott!

Anlässlich des 35. Geburtstags des Fußballgottes Bastian Schweinsteiger gibt es eine Leseprobe aus meinem Buch „Generation Lahmsteiger“. Es ist ein Kapitel, das mir beim Schreiben sehr am Herzen lag.

Schweinsteiger ist nun 35 Jahre alt. Der Fußballgott hat speziell in München einiges erlebt. Als Hoffnungsträger gekommen, wurde er schnell als Diva mit Staralüren und Unsinn im Kopf verschmäht. Als seine Karriere ins Mittelmaß zu kippen drohte, kam jedoch Louis van Gaal und stellte ihn regelmäßig auf der Sechserposition auf.

Von diesem Zeitpunkt an ging Schweinsteiger den Weg vom ewigen Talent bis hin auf den Fußballthron Europas und den der Welt im Maracana in Rio. Schweinsteiger war nicht so konstant auf Weltklasse-Niveau wie sein Pendant Philipp Lahm, aber er ergänzte sich auf und neben dem Platz perfekt mit ihm. Es sind jedoch die entscheidenden und wichtigen Spielen, in denen der Fußballgott seine besten Tage hatte. Auch wenn Teile der Medienlandschaft das erst mit den großen Titeln anerkannten. Happy Birthday, Basti! Und Danke für alles.

Der folgende Ausschnitt aus Generation Lahmsteiger beschreibt mein Empfinden zur Achterbahnfahrt, die Lahm und Schweinsteiger vor allem in ihrer öffentlichen Wahrnehmung gingen. Es ist das Kapitel „Die goldene Generation“:

Einer dieser Spieler, zu denen sich Henyckes auf dem Münchner Rathausbalkon umdrehte, war Bastian Schweinsteiger. Seine Karriere gleicht einer Achterbahnfahrt. Zwischen den Jahren 2004 und 2006 als kommender Superstar gefeiert, hatte er in den Folgejahren mit seiner Rolle im Team, seinen Leistungen und seiner eigenen Persönlichkeit zu kämpfen. Erst als van Gaal ihn 2009 in das zentrale Mittelfeld versetzte, blühte »Schweini« wieder auf. Nun wurde er zunehmend zum Herz des bayerischen Spiels, zum Taktgeber. Gemeinsam mit Philipp Lahm war er spätestens seit 2011 der Anführer der Mannschaft. Was in Deutschland regelmäßig für Diskussionen sorgte: weil die beiden in der Tradition des deutschen Fußballs nicht dieselbe Außendarstellung hatten wie ihre Vorgänger. Ein Effenberg, beispielsweise, war stets omnipräsent. Dazu gehörten klare Ansagen, absolute Dominanz auf und neben dem Platz sowie wütende Interviews, in denen Teile der Medien angegriffen wurden. Effenberg war ein typisches Alphatier des Fußballs. Neben ihm hatte höchstens noch ein Oliver Kahn Platz – aber auch nur deshalb, weil die beiden auf dem Spielfeld weit genug voneinander entfernt waren, um sich nicht gegenseitig zu vermöbeln. Mark van Bommel war ein ähnlicher Typ. Im Mittelfeld war er sich für kein Foul zu schade. Auch verbal nahm er kein Blatt vor den Mund. Sie alle hatten gemein, dass sie sich auf ihre Art schützend vor die Mannschaft stellten.

Mit Schweinsteiger und Lahm veränderten sich die Hierarchien beim FC Bayern wie in der Nationalmannschaft. Den klassischen Führungsspieler gab es fortan nicht mehr, denn beide hatten den Ansatz, die Aufgaben eines Kapitäns auf mehrere Spieler zu verteilen. Das betraf also nicht nur sie selbst, sondern schnell auch Thomas Müller, Manuel Neuer, Dante und Daniel van Buyten. Später wurde auch noch Jérôme Boateng zunehmend in die Verantwortung genommen. Mannschaftsräte gab es auch früher schon, aber beim FC Bayern konnte man den Eindruck gewinnen, dass es hier mehr als das gab – nämlich gleich mehrere Kapitäne. Oder, anderes ausgedrückt: eine flache Hierarchie, die einige Medien als Aufmacher für eine Typen-Diskussion nutzten. Nach den verlorenen Champions-League-Finals 2010 und 2012, den herben Niederlagen gegen Borussia Dortmund und den regelmäßigen Niederlagen in Halbfinals oder Finals bei großen Turnieren mit der Nationalmannschaft gewann diese Debatte an Schärfe. Schweinsteiger tauche viel zu oft ab, Lahm sei zu leise – überhaupt würden im deutschen Fußball »richtige Typen« fehlen wie Effenberg oder Kahn.

Die einzige Grundlage der ganzen Diskussion waren die bis 2013 fehlenden großen Titel. Wie sehr sich der Fußball inzwischen verändert hatte, wie komplex er geworden war und warum schon deshalb verschiedene Aufgaben zwingend auf mehrere Schultern verteilt werden mussten, schien dabei keine Rolle zu spielen. Man brauchte Bauernopfer.

Dabei galt die »Generation Lahmsteiger« in den Jahren 2004 bis 2008 als Hoffnungsträger des deutschen Fußballs. Mit ihr schafften es viele exzellente Talente, sich bei großen Klubs zu etablieren. Schweinsteiger und Lahm waren die prägenden Gesichter dieses plötzlichen Aufschwungs. Sie wurden zu Vorbildern für viele Menschen meines Alters, und mit ihrer Geschichte fesselten sie selbst ältere Fans, die sich emotional zunehmend vom Fußball distanziert hatten. Doch als Dortmund zwei Jahre in Folge Meister wurde, begann die Stimmung in Teilen der Öffentlichkeit zu kippen.

»Ich bin kein Chefchen. Ich bin lange genug dabei, und jeder hört in der Kabine auf das, was ich sage«, wetterte Schweinsteiger 2011 auf einer Pressekonferenz sichtlich genervt. »Ich spiele mit Schmerzen, versuche jedes Mal, ein gutes Spiel hinzubringen. Und im Endeffekt bin ich der Idiot.« Deutlicher hätte er nicht machen können, wie sehr ihn die Vorwürfe störten, die vornehmlich aus der Ecke einer großen überregionalen Boulevardzeitung kamen. Damit belegte er aber auch, wie groß der Einfluss dieser Zeitung ist. Während Lahm mit der Debatte so umging, wie es sich gehört – nämlich nach dem schönen bayerischen Motto »gar nicht erst ignorieren« –, platzte Schweinsteiger der Kragen. Daraufhin machte ihn diese Zeitung zunehmend zum Spielball einer Kampagne. Leider so erfolgreich, dass die Kritik von immer mehr Leuten übernommen wurde.

Spätestens mit dem Triple zeigten »Lahmsteiger« aber, welche Substanz und Wertigkeit die Argumente ihrer Kritiker hatten: Sie marschierten einfach vorneweg, blieben dabei sich und ihren Überzeugungen treu und ließen ihre Leistungen für sich sprechen. Philipp Lahm hatte das schon immer so gemacht. Kaum ein anderer deutscher Spieler war jemals so professionell wie er. Viele bezeichnen das als »weichgespült« und kritisieren, ihm würden die Ecken und Kanten fehlen. Doch Lahm sprach die Dinge lieber intern an und ging nur dann an die Öffentlichkeit, wenn er den Eindruck hatte, dass ihm sonst nicht zugehört wird. Wie 2009, als er im Interview mit der Süddeutschen Zeitung die Debatte um eine klare Philosophie beim FC Bayern anstoßen konnte. Den Preis dafür – eine Rekordstrafe – zahlte er wohl gerne. »Unbequem« wurde Lahm auch dann, als es darum ging, die Kapitänsbinde von Michael Ballack beim DFB endgültig zu übernehmen. Wie man all das bewerten möchte, liegt ganz im Auge des Betrachters. Nur: Fehlende »Ecken und Kanten« sind das Letzte, was man Lahm vorwerfen könnte. Intern und auf dem Platz ergänzte er sich hervorragend mit Schweinsteiger.

Die beiden wurden nicht erst mit dem Champions-League-Titel zu Führungsspielern. Auch wenn in Deutschland absurderweise erst die ganz großen Titel gewonnen werden müssen, um das nötige Gehör zu erhalten. »Lahmsteiger« führten die Bayern zwischen 2010 und 2013 dreimal ins Finale der Königsklasse. Sie durchschritten gemeinsam Täler, holten gemeinsam das Triple. 2014 wurden sie sogar gemeinsam Weltmeister. Und wie fast jede goldene Generation des Fußballs mussten sie zuvor viel einstecken, schwere Niederlagen erleben und dann richtig darauf reagieren. Das taten sie. Als sie zwischen 2007 und 2009 jeweils mit der Frage konfrontiert waren, ob sie den Klub verlassen, haben sie lange überlegt. Beide verlängerten ihre Verträge. Schweinsteiger argumentierte damals etwas klarer als Lahm, dass er lieber mit seinem Klub die Champions League gewinnen würde als mit jedem anderen auf der Welt. In München entwickelten sich die beiden kontinuierlich weiter, bis sie nicht mehr nur die Gesichter, sondern die Anführer und Identifikationsfiguren einer ganzen Generation waren.

Schweinsteiger war immer der emotionalere von den beiden. Seine Karriere verlief wellenartiger und hatte deutlich mehr Tiefpunkte als die seines Partners. Vielleicht war er auch deshalb immer der Fußballgott in München und noch etwas beliebter. Zu Lahm fand nicht jeder diese emotionale Nähe. Der war nie so spontan wie Schweinsteiger, sondern kühler, vorausschauender, analytischer. Gemeinsam ergänzten sie sich. Ihre Entwicklung verlief parallel zur Rückkehr des Rekordmeisters und der Nationalmannschaft in die Weltspitze. Sie prägten eine ganze Dekade. Mit ihnen stiegen Spieler wie Müller, Badstuber, Alaba, Kroos, Boateng und viele andere auf. Louis van Gaal, Jupp Heynckes und auch Pep Guardiola wussten das. Sie alle wussten zu jeder Zeit um die Qualität ihrer beiden Leader. Welch große Bedeutung diese beiden Spieler für eine ganze Fußballnation hatten, zeigte nicht zuletzt der Misserfolg der deutschen Mannschaft bei der WM 2018 in Russland – dem ersten Turnier ohne einen dieser beiden Ausnahmekönner.

Wer die Karrieren von Schweinsteiger und Lahm immer aufmerksam verfolgt hat, dem kann ihre Einzigartigkeit kaum verborgen geblieben sein. Letztlich vielleicht nicht mal jener großen, überregionalen Tageszeitung …

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